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Presseartikel

Tages Anzeiger, 7.09.2018

Die brummendste Brasserie Zürichs

In den Anfängen des Les Halles wurde auf einem dreirädrigen Piaggio-Töff gekocht. Dann wurden Bilder geklaut. Es ranken sich viele Legenden um das Lokal – eine Klarstellung.

Das Kultlokal Les Halles in Zürich-West bringt einen ins Grübeln. Es beginnt schon bei der Aussprache. Nennt sich das Lokal wie das Quartier in Paris? Ist es ein Restaurant? Ein Shop? Ein Flohmarkt? Stimmt es, dass alles einmal illegal war? Warum französisch? Werden da auch noch Fahrräder verkauft? Wird da besonders geklaut? Steht der Gründer noch im Lokal? Zum 20-Jahre-Jubiläum wollen wir etwas Klarheit schaffen.

Aussprache: Die Brasserie nennt sich wie das Quartier in Paris - ohne ausgesprochenes «s». Die Zürcherinnen und Zürcher scherten sich aber vom ersten Tag an einen Deut darum und sprachen das «s» aus. «Lesal.»

Anfang 1, denn es gibt mindestens zwei Anfänge: Da wäre das Bio-Gemüse, das der studierte Agraringenieur Christoph Gysi in den 1980-er Jahren im Aargau anbaute und vertrieb. 1997 entstand daraus der Biovertrieb Pico Bio, ein Jahr später zogen Gysi und das Ehepaar Ledermann mit dem Gemüsehandel ins Kellergeschoss an der Pfingstweidstrasse 6. Im dazu gemieteten Erdgeschoss sollte das Gemüse in einem Restaurant verarbeitet und in einer Art Abholermarkt für Restaurateure und Endkunden angeboten werden.

Anfang 2: Gysi betrieb schon zu Studienzeiten einen Streetfood-Stand. Aus seinem dreirädrigen Piaggio heraus verkaufte er auf SBB-Grund Pizzen. Später tat er das auch am Theaterspektakel. Als er die Idee mit dem Restaurant hatte, stellte er das Dreirad ins Erdgeschoss, tauschte den Pizzaofen gegen einen Gasherd. Darauf kochte er mittags und abends Ravioli und Muscheln. Dazwischen war er in seiner Textagentur tätig.

Kitsch: Christoph Gysi ist ein Sammler. Im Lokal steht längst nicht alles, was Gysi besitzt. Wenn ihm darum ist, dekoriert er neu. Verkäuflich ist nichts. Oft kämen chinesische Touristen vorbei, fotografierten und gingen wieder.

Illegal: Die Wirtschaftspolizei erteilte Gysi anfänglich eine Bewilligung für eine Bar mit zehn Sitzplätzen. Den Tresen zimmerte er aus alten Holzläden. Es lief, Gysi stellte mehr Tische auf. Bis die Wirtschaftspolizei kam und ihn stoppte. Doch Gysi, tief in den roten Zahlen, machte weiter im «Wilden Westen». Später erhielt er eine Bewilligung für mehr Plätze und schrieb bald schwarze Zahlen.

Frankreich: Als Christoph Gysi jährig war, kauften seine Eltern einen Bauernhof in Südfrankreich. Er habe sein halbes Leben auf dem Gut verbracht, sagt er. Mit 16 Jahren fuhr er das erste Mal mit dem Rad von Zürich aus dahin.

Fahrrad: Da Gysi nie ein Töffli besessen hat, fuhr er Rad. Ein Bekannter repariert alte Räder und verkauft sie im Laden. Drei Veloclubs haben im Lokal ihren Stamm.

Diebstahl: Trickdiebe erkennt Gysi. Wer ihm aber das Jesus-Bild gestohlen hat, weiss er bis heute nicht. Er hatte es eigens verhunzt, Jesus auf eine Harley gesetzt. Tausende von Franken haben Käufer ihm geboten, eines Abends war es einfach weg. Bilder des Zürcher Kunstmalers Alex Zwahlen und das Pocket Bike ebenso.

Jesus auf Mottorrad

Wurde verhunzt – und geklaut: Jesus auf einer Harley Davidson.

Der Gründer: Christoph Gysi, zudem Präsident der Kulturmeile Zürich West, steht noch heute im Les Halles. Der Ort sei Ausdruck städtischen Lebens, die brummendste Brasserie der Stadt. Zudem betreut er die drei Lehrlinge. Dafür bindet er sich gerne die Schürze um. A la mode française eben.

Retro: Aus Anlass des Jubiläums gibt es bis Ende September Brochettes und Frites, französische Strandhausküche, zu Preisen wie 1998. Und am Samstag wird bei laufendem Betrieb gefeiert - mit Musik und Film.

Party: Samstag, 8. September 2018, ab Mittag (für Kinder), später Apéro, Musik, DJ. Samstag, 15. September, Charity Dinner (orientalischer 4-Gänger für 62 Franken, für zwei Projekte von Cuisines sans Frontières.

Autorin: Ev Manz